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Felix in Lettland

Mein Name ist Felix Jueterbock, 17 Jahre, und ich befinde mich mitten in einem Auslandsjahrerlebnis in Lettland. Über meine einzelnen Erlebnisse habe ich immer im offiziellen AFS-Blog (blog.afs.de) schriftlich Zeugnis abgelegt, doch hier nun eine Art Zusammenfassung des Bisherigen (Wichtigsten), verbunden mit einem Bericht über die hiesige Weihnacht, wie sie begangen wird und vor allem, wie mich das beeinflusst, oder besser gesagt, wie ich dieses Fest im Besonderen erlebe.

Vorweg möchte ich nehmen, dass trotz aller eventuellen Ungemütlichkeiten und Ungewohntheiten, trotz jeglichen Gefühls von Fremdheit – und dies gibt es immer, wenn nicht im Überfluss, so doch immer genug… – ich den Entschluss, ins Ausland zu gehen, ganz und gar nicht bereue, aus tiefsten Herzen mich dafür ausspreche, diese Möglichkeit weiterzuempfehlen; es kann nur eine Hilfe sein, sich zu entwickeln in so viele Richtungen, dass ich sie gar nicht aufzählen könnte; aber wer die Erfahrung gemacht hat, der weiß, wovon ich spreche. Nun zu mir: Ich habe es gut getroffen. In dem 2-Millionen-Einwohner-Staat Lettland sitze ich nun vor meinem Computer in einem Dorf mit Namen Inčukalns (gespr. Intschukalns), eine knappe Stunde Zug- und eine dreiviertel Stunde Busfahrt von Riga (der wunderbaren Hauptstadt des wunderbaren Landes) entfernt, in einer sehr netten und offenen Familie, die sich rührend um mich sorgt. Zwei Gastelternteile plus zwei kleine Brüder, in einem Einfamilienhaus in besagtem Ort, der komplett im Wald liegt. Ich sollte aber nicht über die lettische Natur schreiben (über die es genug zu schreiben gäbe), sondern über meine Erlebnisse:

Jetzt, zu Weihnachten, gibt es einiges zu überwinden. Für mich das erste heilige Fest außerhalb meiner geliebten vier Leipziger Wände (naja, vielleicht gab’s auch mal ein Fest bei Verwandten in Berlin…) und zugleich mit Leuten, die ich erst seit einem halben Jahr kenne, ist dies schon eine kleine Herausforderung, der natürlicherweise mit Steifheit und Verspanntheit begegnet wird. Dennoch ein nicht nur nicht uninteressantes, sondern höchst spannendes Erlebnis, wenn man sich darauf einlässt.

Die lettischen Traditionen haben einiges mit den deutschen gemein, nicht nur, was Weihnachten betrifft; der Grund ist ganz einfach in der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte zu suchen. Es gibt Pfefferkuchen, Adventskränze, Weihnachtsbäume (der Legende nach soll es ja sogar Riga gewesen sein, wo der weltweit erste „Weihnachtsbaum“ auftauchte) und und und. Dann gibt es sog. „Kaltes Fleisch“, irgendwelches Gemüse mit irgendwelchem Fleisch, eingefasst in irgendwelchem Gelee. Spezialität lettischer Weihnachten und sehr gewöhnungsbedürftig. So sehr gewöhnungsbedürftig, dass ich beim zweiten Mal mich gar nicht erst getraute, zu probieren. Außerdem einige familienspezifische Besonderheiten, wie der Plastiktannenbaum, der in unserem Wohnzimmer steht (vom ersten Advent an). Für einen echten Baum sind wir vier Tage vor Heiligabend in den Wald gefahren und haben uns einfach einen gefällt. Theoretisch ist es (laut Gesetz) jedem lettischen Einwohner gestattet, sich zum Fest einen eigenen Weihnachtsbaum aus den Wäldern zu holen. Theoretisch.

Ansonsten gibt’s hier noch jede Menge leckere Schokolade der (auch typisch lettischen) Konfektherstellerei „Laima“, sowie natürlich „Rigas Balzams“, einen Kräuterschnaps; alternativ ist auch Glühwein beliebt, der in Riga auf den vielen kleinen Weihnachtsmärkten an jedem zweiten Stand angeboten wird, mit lettischer Bezeichnung („Karstvīns“) und sehr oft gleich darunter mit deutscher!

Die Weihnachtszeit ist tatsächlich eine sehr besondere Zeit, in Lettland, in Riga sowieso, und auch für mich als Austauschschüler, der klein und mehr oder weniger für sich allein in diesem fremden Land steht. Denn so viel kann ich sagen: nach einem halben Jahr ist dieses Land noch nicht meine Heimat geworden, auch nicht meine zweite. Zu viel fühlt sich noch seltsam an, zu viel der Sprache ist noch verschlüsselt (auch wenn ich schon ganz gut verstehen kann), aber es geht immer schneller, all die Erfahrungswerte, das Lernen der Sprache und das Einfügen in die Kultur, das alles steigt nicht linear, sondern potenziell, an, und damit auch das Vergehen der Zeit.

Wie gestern kommt es mir vor, als ich mit meiner Leipziger Familie am Flughafen stand, Tränen in den Augen, und keine Vorstellung von der Länge eines Jahres, keine Vorstellung auch von irgendetwas, dass ich erleben würde, von dem Leben, der Kultur, nein, ich wusste nichts außer vielleicht Historisches über das Land, in dem ich am selben Tag noch landen würde. Das mag man gerne als blind bezeichnen, doch es ist eine schützende Blindheit, eine, in welcher man sich wälzen kann, ausruhen, ein Netz, welches mich vor dem Sprung in die Tiefe und das sprichwörtliche kalte Wasser bewahrte. Und bevor ich mich umdrehte, war ich auch schon am Festland, ohne zu wissen, wie war ich dorthin gekommen? War ich wirklich in diesem kalten Wasser dort unten? Ich weiß es nicht. Und jetzt ist schon Weihnachten. Wohl die beste Zeit, um sentimental zu werden. Letztes Jahr hatte ich mir noch gar keine Vorstellung gemacht von Lettland, geschweige denn einem Weihnachten mit Halbfremden. Dieses Jahr ist wohl eine der besten Möglichkeiten, die Zeit an einem vorüberfliegen zu sehen, sich bewusst zu machen, was eigentlich die „Zukunft“ bedeutet, welche Länge, wenn man vor ihr steht, und wie schnell sie sich dann in Vergangenheit, einem Part der eigenen persönlichen Geschichte verwandelt. Es ist wie ein Wunder. Ein Weihnachtswunder.

Sich das alles bewusst machen zu können, ist meiner Meinung nach die bisher größte von mir erlebte auslandsjahrspezifische Eigenheit, die einem in solch jungem Alter, wie wir sind, wohl kaum anders gegeben werden kann.

Und noch immer könnte ich mehr schreiben und mehr, wahrscheinlich einen Roman, wenn ich wöllte, wobei das Größte dann darin bestünde, sich durch Aufzeichnen eigener Gedanken erst selbiger Existenz zu vergegenwärtigen. Dennoch, in Erbarmen um jeden Leser dieses Artikels, setze ich hier einen Schlusspunkt, hoffe, ein wenig Interessantes über das Wesen eines Auslandsjahres gegeben zu haben, und abseits der üblichen Beschreibungen der landesspezifischen Kultur gewandelt zu sein, um den persönlichen, und dennoch, wie ich glaube, allgemeingültigen, Erfahrungen Platz und Raum zu geben, ihnen ein Möglichkeit zu geben, aus meinem wirren Kopf ihren Weg in das Internet zu finden, um vielleicht das Interesse anderer an einem Auslandsjahr zu wecken oder zu vertiefen.

 

Freundliche Grüße aus Lettland,

 

Felix