Sie sind hier: AFS-Komitee Leipzig > Das Komitee > Erfahrungsberichte > Wanda in Costa Rica (2010) > 

Wanda in Costa Rica

"Man muss Neues machen, um Neues zu sehen..." Als ich vor etwa einem Jahr mit diesem Gedanken ins Flugzeug stieg, konnte ich mir zugegebenermaßen unter dem kleinen Stück Erde Costa Rica am anderen Ende der Welt nicht sehr viel vorstellen. Da dachte man doch eher an die üblichen Vorurteile wie entspannte Tage an weißen Sandstränden, die so weit reichen, dass man ihr Ende mit bloßem Auge nicht erkennen kann, Sonnenschein an jedem Tag im Jahr, wenn man vom vielen Regen absieht, relaxtes und sorgenloses Karibikflair, die heiteren und gastfreundlichen Ticos, Salsa tanzen und Fiestas im Kreise riesiger Familien, um die sich das ganze Leben dreht, Gallo Pinto als Grundnahrungsmittel, die immergrünen tropischen Regenwälder soweit das Auge reicht und die exotischsten und außergewöhnlichsten Pflanzen- und Tierarten, die man jemals gesehen hat, das pure Paradies.

Im Nachhinein erwiesen sich all diese Vorurteile als größtenteils korrekt. Aber nun, nachdem ich in diesem, vorher noch so fremden Land, ein Jahr meines Lebens verbrachte, sehe ich es mit völlig anderen Augen. Es ist viel mehr als das. Nun ist es mein zweites Zuhause.

So begann meine lange Reise am 12. Februar, nach monatelangen Vorbereitungen und großer Aufregung. Denn man geht ja nicht alle Tage zum allerersten Mal in seinem Leben für eine derart lange Zeit in ein fremdes Land, von dem man nicht mehr weiß, als das, was man im Internet und diversen Reiseführern gefunden hatte, wo man keine Menschenseele kennt und so gut wie kein einziges Wort der Sprache versteht, geschweige denn spricht.  Doch darin bestand die Herausforderung; ich wollte in Costa Rica das reelle Leben in diesem Land, das Pura Vida, auf eigene Faust kennenlernen, was auf einem anderen Weg sicherlich nicht derart möglich gewesen wäre, als ein Jahr auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde zu verbringen und das Leben dort selbst einmal auszuprobieren.

Die ersten Wochen in meiner neuen Heimat auf Zeit waren erst einmal überflutet von völlig neuen Eindrücken; meiner neuen Familie, die mich sofort herzlich mit einem „pura Vida“ aufnahm (als eine der wenigen Phrasen, die ich verstand, sicher eine sehr gute Wahl), der Schule, die so viel anders verlief als man es aus Deutschland gewöhnt ist und gut zum sonst genauso offenen, gelassenen und lockeren Lebensstil der Ticos passte. In so vielen Momenten ließ sich diese Lebensgefühl spüren, bei dem es zur Etikette gehört mindestens 30 Minuten zu spät zu kommen und das ganze Leben ,für mich anfangs unglaublich, entspannt anzugehen und zu verleben; all dies, um noch eins draufzusetzen, in einer gänzlich unbekannten Sprache, von der ich mir einfach nicht vorstellen konnte, sie derartig schnell zu lernen. Aber es funktionierte wirklich. Jeden Tag kamen neue Wörter hinzu, die gerne von allen bis zum Endlosen wiederholt wurden, bis meiner Gastfamilie eines Nachts auffiel, dass ihre Gastschülerin nicht wie gewohnt auf Deutsch im Schlaf zu reden begann, sondern auf Spanisch.

 

Schon nach kurzer Zeit konnte ich nicht nur deutliche Erweiterungen meiner Spanischkenntnisse feststellen, sondern auch Veränderungen an mir selbst. Denn Austauschschüler sein ist nicht immer einfach und es gibt jederzeit viele neue Situationen, mit denen man vorerst alleine zurechtkommen muss. So kann ich nun in mir vor allem mehr Eigenständigkeit sowie Selbstvertrauen entdecken und jetzt auch etwas stolz von mir sagen, viel allein geschafft zu haben. Wer hätte gedacht, dass ich einmal in meinem Leben eine Wallfahrt unternehmen, neugeborenen Meeresschildkröten auf ihrem Weg ins Meer begleiten und am Nationalfeiertag in Reih und Glied mit meinen Mitschülern marschieren würde? Somit konnte ich auch mich selbst von neuen Seiten kennenlernen.

Doch natürlich gab es immer jemanden, der mir beiseite stand und immer für mich da war. Ich lernte viele Menschen kennen, die ich wahrscheinlich nie vergessen werde; Menschen, von denen ich viele Dinge, auch über mich selbst gelernt habe und die mich auf diese Weise prägten.

So kann ich jetzt auch gewisse Eigenschaften, die den Ticos nachgesagt werden, in mir selbst entdecken. Ihr ganz eigener und gelassener Lebensstil sprang auf gewisse Weise in mich über, ob wohl dieser Lebensstil anfangs ein gewisses Maß an Geduld und Flexibilität verlangte. Somit wartete ich in keinem Jahr meines Lebens so lange, wie in Costa Rica. Ob Bus oder Bahn, in die Schule oder zu einem Treffen unter Freunden, alles lief mit Verspätung. Doch mit der Zeit verschwand das schlechte Gewissen, wenn man eine halbe Stunde zu spät zur ersten Unterrichtsstunde in der Schule auftauchte, wie alle anderen, samt Lehrer auch; man wurde sehr viel geduldiger beim stundenlangen Warten auf den Bus und tauchte bei einer Verabredung um 4 nicht vor um 5 Uhr auf.

Die schönsten Momente des Jahres waren für mich die in Familie, denn die Leute haben in Costa Rica einen viel größeren Familienzusammenhalt. So versammelte sich an diversen Festtagen, wie Geburtstagen und anderen Anlässen die ganze riesige Familie, nicht selten bei Musik, Tanz und gutem Essen um dies gebührend zu feiern. Auch sonst drehte sich das ganze Leben um die Familie, wodurch diese zu meinen engsten Freunden wurden.

Dieses Austauschjahr war für mich eine einmalige und wunderbare Chance, eine fremde Kultur, wie für mich die Costa Ricas, mit allem was dazu gehört voll und ganz kennenzulernen, auf so intensive Weise, dass ich mich wohl mein ganzes Leben lang damit verbunden fühlen werde. Eine solche Erfahrung ist nicht jedem möglich. Costa Rica ist ein wunderschönes Land und obwohl sich nach einer gewissen Zeit ein Gefühl der Heimat und des Alltags entwickelte, inspirierte es mich in jedem Moment des Jahres, bis zum Schluss hin, mit seiner Farbenpracht, Offenheit und Lebensfreude immer wieder aufs Neue. Es ist ein völlig anderes Fleckchen Erde und das Jahr kam mir dort vor wie ein Augenblick, weil man in vielen Situationen des Lebens immer wieder etwas Neues kennenlernte. All die Dinge, die man mit der Zeit bis zum letzten Tag durchlebte, versetzten mich immer wieder aufs Neue ins Staunen.

Ein Teil vom mir wird immer in Costa Rica bleiben und es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dort gewesen bin.

Mein Jahr in Costa Rica war die größte Erfahrung meines bisherigen Lebens, für die ich unendlich dankbar bin und die ich niemals vergessen werde. Ich habe eine neue Familie gewonnen und viele Freunde aus der ganzen Welt; nicht zuletzt habe ich in Cosa Rica gemerkt, was mich wirklich glücklich macht und viele Ansichten in ein anderes Licht gerückt.  So habe ich in diesem Jahr, das hinter mir liegt, nicht nur Costa Rica, seine Kultur und Menschen kennen und lieben gelernt, sondern auch das, was mein Heimatland Deutschland ausmacht, mein eigentlich „langweilig normales“ Leben zu schätzen und meine eigene Kultur besser zu verstehen gelernt .

 

"Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen."

 (Pearl S. Buck)