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Paula in der Türkei

Nun bin ich schon seit etwas mehr als vier Monaten in der Türkei, in Ankara. Und mein aktueller Standpunkt ist: Es ist absolut wundervoll. Natürlich lassen sich diese vier Monate nicht in einem Satz zusammenfassen, aber dennoch dies vorne weg: Die Zeit von meiner Ankunft bis Heute war einmalig.
Meine ersten Monate vergingen so unglaublich schnell, dass ich, eh ich es überhaupt richtig realisieren kann im Januar angelangt bin.
So gut wie mein ganzes Leben hat sich hier verändert, doch nicht nur mein Leben sondern auch ich mich selbst. Ich habe viele neue Erfahrungen gemacht, die mir mein restliches Leben erhalten bleiben werden, dasselbe hoffe ich für die einmaligen Freundschaften, die hier entstehen.
Meine Gastfamilie ist toll, ich fühle mich wohl mit ihr, auch wenn es eine Weile gedauert hat, aber inzwischen bin ich wie ein Teil der Familie. Ich lebe mit meinen türkischen Eltern und einer zwei Jahre jüngere Gastschwester zusammen.
An ein paar Dinge fällt es mir jedoch schwer mich zu gewöhnen. Zum Beispiel ist meine Freiheit um einiges mehr eingeschränkt, als in Deutschland und meine Gastfamilie hat eine Menge Regeln. Unter anderem, dass ich in der Woche nicht mehr ausgehen darf.
In meiner Freizeit treffe ich mich oft mit Freunden, meistens andere Austauschschüler, zwischen uns sind unglaublich enge Freundschaften entstanden. Türkische Jungendliche haben leider nicht viel Zeit. Was daran liegt, dass die Schule hier sehr hart ist und die meisten Nachhilfe nehmen und mit lernen beschäftigt sind. Eine lange Zeit hatte ich keine türkischen Freunde, aber inzwischen habe ich welche gefunden, worüber ich sehr glücklich bin.
Schon nach dieser ersten Zeit kann ich Veränderungen bei mir erkennen. Sie reichen von plötzlichem Cola trinken bis zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit. Den Grund warum ich hier auf einmal Cola vergöttere, obwohl ich sie sonst verabscheut habe, kenne ich nicht. Aber zu meinem größeren Selbstbewusstsein kann ich sagen: Mir bleibt letztendlich hier nichts anderes übrig, als mich selbst um meine Probleme zu kümmern.
Schon immer habe ich das versucht, aber zur Not war immer noch jemand anderes da. Ich merke, dass ich hier meiner Selbst viel sicherer werde. Auch kann ich leichter auf Leute zugehen, was mir immer schwer fiel.
Darüber hinaus tue ich Dinge, die mir sonst nie in den Sinn gekommen wären. Zum Beispiel singe ich im Schulchor, gehe ins Finesscenter...
Meine Schule ist riesig. Riesig. In jedem Jahrgang gibt es Klassen von A-Z und ein riesiges Schulgelände. Mein Englisch wird hier richtig gut, da ich auf einer größtenteils englischsprachiger Schule bin. Mein Türkisch ist bis jetzt leider nicht so gut, wie es sein könnte.
Türken sind, wie ich erfahren habe und aber auch nicht groß anders zu erwarten war, übermäßig nett und herzlich. Überall wird man mit viel Interesse freudig empfangen, eingeladen, begrüßt und aufgenommen. Insgesamt ist es ein tolles Volk. Ein Volk welches Fleisch liebt, wo man sich als Vegetarier teils etwas verloren vorkommt. Denn es gibt nicht allzu viele vegetarische Gerichte, z.B. war ich am Anfang geschockt, dass es keine vegetarischen Döner gibt. Dennoch bin ich seit meinem ersten Tag von türkischem Essen begeistert. Ich liebe es, ebenso wie Çay und natürlich türkischen Kaffe. Drei Monate blieb ich Vegetarierin, dann habe ich angefangen Fleisch zu essen.
Ich habe mich gut eingewöhnt, der ganze Lebensstil ist anders, aber ich find es toll. Menschen gehen mit anderen Menschen ganz anders um, viel offener und freundlicher. Auch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist viel herzlicher, es kommt nicht selten vor, dass sie sich umarmen.
Ältere Menschen werden viel mehr geachtet und alle haben großen Respekt vor ihnen. Auch die Familie ist ein wichtiger Teil des Lebens, ich denke mehr als in Deutschland. Es wird sich mehr für den anderen Interessiert, und genauso aber leider auch mehr Sorgen gemacht. Meine Familie möchte immer genau wissen wo ich bin, was ich mache, mit wem, und am besten noch alles über die Person wissen, die ich treffe. Die Familie hält engen Kontakt und oft leben auch mehrere Generationen einer Familie zusammen.
Es war allerdings nicht so, dass ich die ganze Zeit glücklich war und auch jetzt gibt es ab und zu Tiefen. Um die Zeit des ersten Advents als in Deutschland die Weihnachtszeit angefangen hat und hier überhaupt nichts nach Weihnachten aussah, habe ich meine Familie, Freunde und Leipzig vermisst. Auch war es die Zeit als gerade 3 Austauschschüler von uns aus Ankara zurück in ihre Länder gegangen sind, weil sie nur ein 3-Monatsprogramm gemacht haben, es war ein sehr trauriger Abschied, und für mich ein Moment, in dem ich sehr froh war, noch 7 Monate vor mir zu haben. Hinzu kam, dass ich anfangs nicht besonders glücklich in meiner Schule war.
Dann hat sich aber alles gebessert und spätestens als Weihnachten ran war, war es wieder gut. In der Türkei gibt es zwar kein Weihnachten, aber es gab eine Weihnachtsfeier mit AFS und am 25.12. habe ich zusammen noch mal mit den anderen Austauschschülern gefeiert. Jedoch war mir überhaupt nicht wie Weihnachten. Der 24. war ein Tag wie jeder andere und wäre ich nicht krank gewesen, wäre ich zur Schule gegangen.
Zu Silvester, ebenfalls ein Schultag, nur der 1. Januar ist frei, gibt es allerdings ein paar Parallelen zu Weinachten. Es gibt einen geschmückten Tannenbaum, überall Weihnachtsdekoration und Geschenke.
Jeden Tag stelle ich fest, dass die Entscheidung in die Türkei zu gehen, absolut richtig war. Bereits jetzt kann ich ungelogen sagen, dass diese Jahr das beste meines bisherigen Lebens ist. Die Türkei ist voll und ganz das richtige Land für mich. Ich liebe mein Leben hier. Und ich liebe den anderen Lebensstil: mit Dolmuşfahren, die Kultur, Çay trinken, die Leute, die Sprache, Helva... Kurz und knapp: Ich bin absolut glücklich und könnte die ganze Türkei umarmen (und am besten nie mehr loslassen!).