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Auszüge aus Minas Blog während ihres Austauschjahres in Honduras

Mina in der Schule

Meine Reise nach Honduras

beginnt an einem Freitagmorgen am Frankfurter Fluhafen. Dort trafen sich alle 19 Deutsche, die wie ich, das Jahr in Honduras verbringen werden. Wir flogen ohne AFS-Begleiter erst 10 h nach Miami, wo wir nur 2 h Zeit hatten, um in das Flugzeug nach Tegucigalpa einzuchecken. Nach 4 h Flugzeit wurden wir dort von einem Bus abgeholt und zu dem Arivalcamp in einem kleinen Touri-Dorf gebracht. Wir waren alle total am Ende, denn als wie ankamen, waren wir schon 24 h unterwegs gewesen. Der Zeitunterschied zwischen der honduranischen Zeit und der deutschen Sommerzeit beträgt 8 h. Also wenn ich hier um 6:00 aufstehe, ist es in Deutschland schon 14:00 und ihr habt zu Mittag gegessen. Das Arivalcamp dauerte 2 Tage, an denen wir viel zum Thema Sicherheit und die Gewohnheiten der Menschen hier gelernt haben.

Wenn man sich richtig verhält und einen Überfall nicht gerade herausfordert, ist es garnicht so gefährlich. Ich bin sehr vorsichtig und passe gut auf, im eigenen Interesse. Es ist dann nicht sicher, wenn man sich allein auf einer verlassenen Strasse befindet und in der Dunkelheit, besonders, wenn man Reichtum zur Schau trägt. All das vermeide ich.

Nach dem Camp wurden alle AFSer mit einem Bus in ihre Städte gebracht, wo sie von ihren Gastfamilien abgeholt wurden. Die Informationen zu meiner Gastfamilie, die ich von AFS bekommen habe, sind total veraltet gewesen. Ich habe 2 gastbrueder (14 u 17) und noch 2 Gastschwestern (19 u 22) die aber nur am Wochenende zuhause sind. Die Ältere hat schon eine kleine Tochter, 4, die wohnt auch im Haus.
Mein Gastvater hat um die 350 Rinder auf einem wunderschönen Grundstück in den Bergen. Meine Gastmutter ist den ganzen Tag zuhause, kocht, kauft ein oder ruht sich aus. Für die Wäsche gibt es ein Hausmädchen, welches hier aber nicht wohnt.
Hier sind alle ganz freundlich, hauen sich aus Spass, sind laut und lachen viel.
Meine Gastbrüder machen nach der Schule so gut wie nichts, ausser fernsehen oder im Bett rumliegen.
Es gibt hier leider so gut wie keine Privatsphäre: keiner hat ein eigenes Zimmer(wenn Besuch da ist, habe ich nichtmal ein eigenes Bett), wenn man ins Bad will, muss man durch das Schlafzimmer der Eltern durch. Man hat keinen Anspruch darauf, alleinzusein. Das würde hier auch keiner verstehen. Auch an meine Sachen gehen alle dran: an meine Haarbürste, meine Stifte, mein Handy - an alles, was man nicht gut wegräumt. Mein Tagebuch ist zum Glück auf Deutsch, d.h. es ist sicher…

Meine Gastfamilie

Endlich habe ich eine Gastfamilie! Sie besteht aus den beiden Eltern, 2 Gastschwestern (17 u 14)
und 2 Gastbrüdern (9 u 11) und noch einem Jungen, der bei der Familie lebt (10). Ich werde mir mit der jüngeren Gastschwester ein Zimmer teilen. Sie wohnen in einer kleineren Stadt namens Tocoa im Norden des Landes, ca 30 km landeinwärts von der Hafenstadt Trujillo entfernt. Dort werde ich auf eine öffentliche Schule gehen.
Der Vater ist Agrar-Ingenieur und sein Hobby ist Viehzucht. Die Mutter ist Hausfrau und hat dann wahrscheinlich auch genug zu tun mit 6 Kindern im Haus.
Ich bin jedenfalls schon sehr aufgeregt und gespannt, wie es wird. Ich denke, es wird sehr anders aber auch lustig werden.

Unser Haus

Das Haus ist einstöckig, wie fast alle Häuser hier im kleinen Tocoa, und aus Beton gebaut (hat aber ein Wellblechdach ). Um das Haus, welches für honduranische Verhältnisse eher groß ist, steht eine hohe Mauer und man kommt nur durch ein schweres Rolltor auf das Grundstück.

In dem Haus gibt es 3 Schlafzimmer: 1 für die Eltern, 1 für die 2 Jungs und 1 für mich und meine Schwestern, wenn sie am Wochenende kommen.

Es gibt Wasser aus dem Wasserhahn, mehr oder weniger fliessend - mehr oder weniger sauber, denn es ist Wasser aus dem Fluss. Manchmal ist es auch eine braune Bruehe.Zur Zeit gibt es kein Wasser, nur aus dem grossen Becken hinterm Haus. Welches “Pila”(Batterie) heißt.
Das eine Klo hat keine Spülung und man muss Wasser hineinschöpfen.
Also die Sache mit dem Wasser ist nicht mehr ganz so schlimm. Die haben das irgendwie geregelt, dass es jetzt klar aus der Leitung kommt (immernoch kein Trinkwasser!), nur noch 1mal pro Woche gibts Schlamm.
Strom gibt es auch, er fällt aber manchmal für ein paar Minuten oder Stunden aus.
Aber an all das gewöhnt man sich und es sind eher kleinere Unannehmlichkeiten.

Die elektrischen Geräte kann man, bis auf die Küchengeräte, an eine Hand abzählen: es gibt 2 Fernseher, die den ganzen Tag laufen, mehrere Ventilatoren, ein Telefon, ein Radio, einen DVDplayer (es gibt hier aber so gut wie keine DVDs) und jede Menge Handys. Ich bin die einzige mit einer Kamera hier.

In der Küche aber gibt es zB. auch eine Mikrowelle, 2 Sandwichtoaster, einen Mixer, einen Wasserkühler(oder wie die Teile heissen, an denen man sich Wasser zapfen kann)…
Andererseits leihen die sich von mir den Nagelknipser, haben kein anständiges Nähzeug…
Es gibt auch keine Spül- oder Waschmaschine. Das wird alles von Hand gemacht. Ich wasche übrigens meine Waesche auch selbst.

Aber ein Auto hat hier fast jeder. Meistens einen Pick-up. Mit nicht geländegänigen Autos kann man auf diesen steinigen, matschigen, mit Schlaglöchern übersähten und unasphaltierten Strassen fast nichts anfangen.

Auch haben die meisten Leute hier überhaupt keinen Geschmack. Alles was angeblich schön ist(d.h. jeglicher Kitsch) und an Reichtum,sowie eine moderne Welt (mit viel Plastik) oder die USA erinnert, ist sehr beliebt und wird gerne angenommen.

Das Essen...

besteht hauptsächlich aus unreifen oder reifen Platanos (Kochbananen) und normalen unreifen Bananen (Guieneos)- die unreifen schmecken fast wie Kartoffeln - sowie Reis, Bohnen, Fleisch und Tortillas aus Weizen- oder Maismehl. Gekocht wird immer mit viel Oel und Fett (die Honduraner lieben Frittertes) oder auch mit viel Zucker. Dazu gibt es fast immer Cola oder anderes süßes Zeug.

In Honduras ist eine Mahlzeit kein Anlass zum Zusammenkommen der Familienmitglieder. Die Mutter, die hier fast immer die Hausfrau ist, kocht und gibt jedem einen Teller mit einer Portion. Dann isst man am Tisch oder vorm Fernseher oder wo man gerade will. Man isst auch nacheinender, wenn die anderen z.B. noch keinen Teller haben. Und man isst auch wenn möglich mit den Fingern oder mit einer Gabel, selten mit einem Messer.
Ich mag das Essen , aber auf die Dauer ist es ein wenig eintönig und macht richtig Dick. Ihr werdet mich wahrscheinlich nicht wiedererkennen, weil ich so zunehmen werde.

Achja, der Kaffee ist hier super .

Ich vermisse echtes, ordentliches, deutsches BROT! Hier gibt es nur so weisses,weiches, wabbeliges Zeug.
Ausserdem bin ich die einzige, die freiwillig und sogar gerne Gemüse isst. Salat gibt es hier auch keinen richtigen, nur Weißkohl, und die Zutaten fuer einen Salat fehlen auch, sonst hätte ich mir längst einen gemacht.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal einen Joghurt vermissen werde, aber auch den gibt es hier nicht.
Käse existiert nur in 2 Sorten die zwar essbar sind, aber auch nicht so der Hammer sind.

TOCOA
die Stadt, in der ich lebe, ist gitterförmig angelegt, es gibt weder Strassennamen, noch Hausnummern, aber die Latinos, schaffen das auch irgendwie ohne… Ich finde es etwas langweilig.
Die Stadt ist sehr anderes als in Deutschland. Hier leben etwa 40.000 Menschen, aber nur die Banken oder reiche haben Häuser mit 2 Stockwerken. Es gibt um die 20 Internetcafes (mit jeweils 3-8 PCs), davon kenne ich 8, davon haben 5 geöffnet und 3 haben gerade Internetanschluss.

Es gibt eine einzige Disco (nicht so der Hammer) und wenn man mal da war, weiss das fast ganz Tocoa und in die Disco zu gehen, ist sowieso etwas verpöhnt.
Die Haeuser sind fast alle nur einstöckig (bis auf Banken und Hotels) und alles ist ein wenig kleiner.

Ausser die Autos. Die fahren hier alle in Gelaendewagen rum, weil die Strassen so schlecht sind.

Gehorsam

Ich merke, wie es mir schwer fällt, mich an Verbote/Gebote hier zu halten, die es in Deutschland nicht gibt. Besonders, wenn sie meiner Meinung nach unsinnig sind z.B darf ich meine Armbänder in der Schule nicht anhaben, die seien zu hässlich meinte die Lehrerin und passen nicht zur Uniform; das Bett muss jeden Morgen gemacht und pikobello verlassen werden, obwohl man am Nachmittag auch noch Zeit dafür hätte und man es abends doch wieder unordentlich macht; Wenn die Mutter sagt, man soll sich Bananen zu Mittag kochen, man aber sie aber lieber frittiert (Tajadas) essen möchte, gilt das Wort der Mutter; keinen Alkohol zu trinken, weil das die AFS-Regeln verbieten. Die meisten Leute denken nicht gerne viel nach und blinder Gehorsam wird oft vorrausgesetzt.
Ich bin die einzige die im Unterricht etwas hinterfragt oder sonst habe ich, glaube ich, auch noch keinen gesehen, der das macht…

Viele Muetter verbieten ihren Toechtern viel auszugehen oder Freunde zu haben, aus Angst sie koennten schwanger werden. Auf der Strasse oder ausserhalb des Hauses sind die Soehne/Toechter ausser Kontrolle der Eltern und es koennte schlechten Einfluss geben durch andere ¨schlechte¨ Kinder oder wegen Dieben oder sonstwas. Kurz, die perfekten Kinder sind viel mit den Eltern zusammen und ansonsten im Haus, helfen im Haushalt und lernen.

Die Eltern wollen ihre Kinder vor allem schlechten beschuetzen und gut auf sie aufpassen. Dabei lernen diese nicht, auf sich selbst aufzupassen.

Es gibt ein grosses Problem. Naemlich bekommen 25% der Frauen zwischen 15 und 19 Jahren ihr erstes Kind. Das liegt vor allem ander schlechten sexuellen Bildung. Die Eltern klaeren ihre Kinder nicht auf und die Schule macht auch nicht viel, vor allem, weil viele Eltern gegen Sexualunterricht sind. Also verbietet man der Tochter vorsichtshalber den Freund

Ich war schon geschockt, als ich eine 12-Jaehrige mit Kugelbauch gesehen habe.

Wieder da!!!

Ja, ich bin am 3. Juli wiedergekommen.
Wir AFSer in Honduras haben uns alle in San Pedro getroffen und sind dann am 2. Juli länderweise verteilt in unterschiedlich Richtungen losgeflogen.
Wir aus Deutschland sind mit den Italienern zuerst nach San Salvador in El Salvador geflogen und dann nach Miami. Dort hatte unser Flieger nach Frankfurt leider 4h Verspätung und dafür hat jeder von uns einen Essensgutschein für 15$ bekommen! Nach 8h Flug sind wir auch alle wohlbehalten in Frankfurt gelandet.

Am Flughafen war ich erst mal etwas verwirrt. Ich konnte gar nicht glauben, wie groß meine kleine Schwester geworden ist. Sie ist 12 Jahre alt geworden und während ich weg war bestimmt 10 cm gewachsen. Sie sieht auch nicht mehr aus wie ein kleines Kind.
Ich war sehr froh wieder zuhause zu sein. Einige Dinge in Honduras vermisse ich zwar, aber im Großen und Ganzen bin ich schon froh, wieder relativ frei zu sein und kommen und gehen zu können, wie ich will, mein Fahrrad zu haben und mit der Bahn mal eben nach Köln fahren zu können. Ganz zu schweigen natürlich von meiner Familie und Freunden! Ich freue mich sogar auf die Schule.
Aber es ist auch sehr beruhigend, dass alles fast so ist wie immer. In einem Jahr passiert ja auch nicht so viel. Ich kann mir vorstellen, dass es sich so ähnlich anfühlt, wenn man aus einem (nicht so tragischen) Koma aufwacht.
Und wenn ich durch die Stadt gehe, komme ich mir fast unsichtbar vor, denn auf einmal falle ich nicht mehr auf durch meine Hautfarbe und meine Haare. Ich genieße es.

Am Anfang muss es lustig geklungen haben, wie ich geredet habe, denn ich musste mich immer sehr konzentrieren, um Deutsch zu sprechen und um nach Ausdrücken suchen. Ich denke auch nach ca. 2 Monaten immer noch auf Spanisch. Dann muss ich mich manchmal noch fangen, um nicht auf Spanisch auf eine Frage zu antworten.
Es geht aber mittlerweile wieder.

Ich möchte auf jeden fall wieder nach Honduras! Es ist einfach ein wunderschönes Land, was man aber, um es noch mehr zu genießen, auch verstehen und kennenlernen muss.